Ein Känguru wie du

»Wie ist es denn, schwul zu sein?«


Aus Angst, sich mit einem schwulen Trainer zu blamieren, laufen zwei Raubkatzen aus dem Zirkus davon. Warum man nicht auf dressierte Seehunde hören soll und dass Tiere sowieso nicht in einen Zirkus gehören, lernen die Raubkatzen von einem schwulen Boxchampion. Alles ist anders, als man gedacht hat, und am Ende ist eine alte Dame die coolste von allen ist. Eine Geschichte über eingebildete und echte Ängste.

»Habt ihr das Wort ›blöde Schwuchtel‹ schon mal irgendwo gehört?«, fragte ich die Kinder vor der Lesung. »Jaa!«, riefen alle. »Sogar schon ganz oft!« – »Und wo?« – »Hier in der Schule!« – »Zu wem hat man das gesagt?« – »Zu uns!« – »Und wer hat das gesagt?« – »Die anderen!«

Seit Erscheinen dieser Geschichte vor zehn Jahren haben solche und ähnlich homophobe Beschimpfungen auf Schulhöfen deutlich zugenommen. Im deutschen Profifussball der Männer gibt es immer noch keinen einzig aktiven Spieler in den oberen Ligen, der offen schwul lebt. Mit diesem Buch werde ich oft oft in Schulen eingeladen. Nicht nur während der Pride Week. Gerade weil die AfD regelmäßig eine Einschränkung oder Abschaffung der schulischen Sexualaufklärung fordern – unter dem Schlagwort »Frühsexualisierung«.


Angela Merkel hat 2017 gegen die Ehe für alle gestimmt, und man sollte ebenso wenig vergessen, dass Friedrich Merz 2020 Homosexualität mit Kindesmissbrauch in Verbindung gebracht hat. »Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht – ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.«


Vor der Lesung frage ich die Kinder, ob sie irgendjemanden kennen der schwul ist. In Leipzig sagte neulich ein kleiner Junge, er kenne sogar gleich zwei. Wen? »Meine beiden Papas!« Viele Kinder behaupten, sie kennen keinen einzigen Schwulen persönlich. Und wenn ich am Ende sage – »So. Jetzt habt ihr alle einen kennengerlernt. Nämlich mich.« – wirken viele wirklich überrascht. Neulich wartete ein Junge, bis alle anderen Kinder weg waren, und fragte mich mit leiser Stimme: »Wie ist es denn, schwul zu sein?«


2017 MUSSTE DAS THEATER BADEN BADEN DIE GEPLANTEN VORSTELLUNGEN DES THEATERSTÜCKS ABSETZEN, WEIL KEINE ZUSCHAUER KAMEN. WAS SAGEN SIE ZU DIESEN VORGÄNGEN?
Ich finde es großartig, dass das Theater das Stück auf den Spielplan gesetzt und gespielt hat. Als die Zuschauer ausgeblieben sind, hat das Theater das Gespräch mit Lehrerkräften und Eltern gesucht und festgestellt, dass es da starke Berührungsängste gibt. Offenbar haben viele Eltern ihre Kinder für den Tag des geplanten Theaterbesuchs krank gemeldet. Daraufhin gab es am Theater auch die Überlegung eines »Jetzt erst recht«. Aber es macht keinen Sinn, vor einem leeren Zuschauerraum zu spielen. In der Zwischenzeit haben viele Theater anderer Städte die Inszenierung zu Gastspielen eingeladen.


HABEN SIE ÄHNLICHE ERFAHRUNGEN MIT IHREM BUCH GEMACHT?
Ich erlebe bei meinem Lesungen mit diesem Buch immer wieder, dass ich von Veranstaltern freundlich, aber bestimmt darum gebeten werden, nicht aus »diesem Buch« zu lesen. Die Argumente sind immer die gleichen: »Ich persönlich habe natürlich nichts dagegen, aber die Kinder sind noch zu klein, sie kennen das noch nicht und man darf sie nicht mit so einer Thematik konfrontieren.« Manche Buchhändler haben mich gefragt, wo sie das Buch überhaupt hinstellen sollen. »Zur sexuellen Aufklärung?« Nein, natürlich zu den Geschichten ab acht.


WIE ERKLÄREN SIE SICH DIE VORBEHALTE VIELER ELTERN GEGEN DIESE GESCHICHTE?
Nur Erwachsene haben ein Problem mit der Geschichte. Kinder finden sie in erster Linie unterhaltsam. Sie haben eine völlig andere Erlebniswelt als Erwachsene. Jedenfalls ist es völlig realitätsfern, wenn Erwachsene behaupten, Kinder würden nichts über die Existenz von Schwulen und Lesben wissen und man dürfe sie nicht damit in Berührung bringen. Ich frage bei meinen Lesungen doch nach. Die Kinder kennen immer jemanden. Neulich sagte ein Junge bei einer Lesung: »Ich kenne sogar zwei!« »Wer ist das?«, fragte ich nach. »Meine beiden Papas.«


SIND DIESE ERWACHSENEN EIGENTLICH ALLE HOMOPHOB?

Vermutlich denken viele Eltern bei dem Stichwort »schwul« geht es automatisch um Sexualität und stellen sich auf der Bühne hoppelnde und kopulierende schwule Kängurus vor. Dabei geht es einfach nur um Liebe. Es gibt eben Männer, die Frauen lieben und Männer, die Männer lieben, und Frauen, die Männer lieben, und Frauen, die Frauen lieben, und Kinder, die Pizza Margarita lieben, und Erwachsene, die Pina Colada lieben – es geht um Vorlieben. Wenn es Bedenken gibt, können diese nur durch gemeinsame Gespräche herausgefunden und geklärt werden – wie es gerade in Baden Baden passiert.


WARUM HABEN SIE SICH DAZU ENTSCHLOSSEN, EINE GESCHICHTE MIT EINEM SCHWULEN KÄNGURU ZU SCHREIBEN?

Bei einer Lesung von meinem ersten Kinderbuch »An der Arche um Acht« waren die Kinder irritiert, als am Ende ein Pinguin und eine Taube ein Paar werden. »Diese beiden Tiere«, versicherten die Kinder, »passen überhaupt nicht zusammen. Die können nämlich nie heiraten und Kinder kriegen.« »Was?«, fragte ich. »Beide sind Vögel und beide können Eier legen.« »Aber das sind doch zwei Männchen?« »Wieso? Der Pinguin und die Taube?« Dagegen konnte keiner mehr was sagen, aber ein Junge gab sich trotzdem nicht zufrieden und murmelte: »Aber so, wie Sie die Taube gelesen haben, Herr Hub, war’s wahrscheinlich auch ein Männchen.« »Und wenn schon –« gab ich zurück, und dann ging es richtig los. Erstaunlich war, wie leidenschaftlich sie über das Thema diskutiert hatten.


WIE ERKLÄREN SIE SICH DAS INTERESSE DER KINDER?
Interesse? Wieso? Die Kinder wissen doch längst Bescheid, aber oft genug wird das Thema geheimnisvoll und hinter vorgehaltener Hand besprochen. Dann interessiert es die Kinder natürlich ganz besonders. In dieser Geschichte wird alles ganz offen diskutiert – irgendwann sogar albern und absurd. Wenn die kleinen Raubkatzen auf die Idee kommen, ihren Trainer mit dem schwulen Känguru zu verheiraten, werfen sich die Kinder immer weg vor Lachen.


HABEN SIE AUCH GUTE ERFAHRUNGEN GEMACHT?

Sogar jede Menge. Oft genug werde ich genau wegen dieser Geschichte in Schulklassen oder Buchhandlungen eingeladen. Es gibt für die Altersgruppe ab 8 kaum Geschichten mit einer schwulen Figur. In Köln wurde das Theaterstück über drei Jahren lang gespielt. Und nicht zuletzt – was mich besonders gefreut hat – waren es die Kinder in der Jury des Mülheimer Theaterpreises, die das Stück vor zwei Jahren mit dem Publikumspreis ausgezeichnet haben.