Das letzte Schaf

»Auf Besucher wie uns wir das neugeborene Kind gerade gewartet haben«, murmelt das letzte Schaf. »Auf die Kranken, die Lahmen und die total Durchgeknallten. Solche Blindgänger wird es mit Kusshand begrüßen.«


Was ist das nur für ein helles Licht, das die Schafe inmitten einer Winternacht aus dem Schlaf reißt? Und wo sind eigentlich ihre Hirten geblieben? Wurden sie vielleicht von einem Ufo entführt? Oder hat das Ganze etwa mit diesem Mädchen zu tun, das in einem nahegelegenen Stall geboren wurde und die Welt retten soll? Um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen, begeben sich die Schafe auf eine abenteuerliche Nachtwanderung. Doch schon bald haben sie das erste Schaf verloren. Und das ist erst der Anfang –


»Allein für dieses Buch hat sich die Geburt Christi gelohnt.« 
Konstanze Ebel, Dichtungsdings


»Stringent aufgebaut, mit perfektem Gag-Timing und einem herzerwärmend dusseligen Esemble. Hubs sehr menschlichen Schafe sind im einen Moment selig und im nächsten panisch, gerade noch selbstzufrieden und kurz darauf beleidigt, abwechselnd knallhart und sentimental, meist liebesbedürftig und immer sehr, sehr lustig.«
Die Zeit


»Meine Lieblingsfigur ist der Esel.«
Udo Kohlmeyer, Thalia Buchhandlung



INTERVIEW BUCHMESSE FRANKFURT


NACH »AN DER ARCHE UM ACHT« HABEN SIE SICH AN EINE NEUINTERPRETATION DER WEIHNACHTSGESCHICHTE GEWAGT. IST IHNEN DENN GAR NICHTS HEILIG?
Alles, was heilig sein soll, ist mir erst einmal suspekt. In meinem Bücherregal steht die Bibel neben Märchen der Brüder Grimm, den griechischen Mythen und den Geschichten aus Tausendundeine Nacht. In all diesen Büchern wimmelt es von großartigen Storys und Figuren, die um eine wichtige Frage kreisen: »Woran glauben? Wem glauben? Und warum eigentlich?« Dass muss natürlich kein Gott sein oder eine Kirche.


UND WORAN GLAUBEN SIE?
Ich war noch nie davon überzeugt, dass Jesus ein Familienangehöriger Gottes sein soll, der das Kreuz mit einem schlichten Wort in einen Blumentopf hätte verwandeln können. Aber gegen seine Message kann es keinerlei Einwände geben. »Seid mal ein bisschen netter zueinander, verzeiht euren Feinden und jeder ist herzlich willkommen – vor allem die Kinder.« Weihnachten selbst finde ich in der Zwischenzeit ein bisschen herunter gekommen, aber die Botschaft ist doch prima: »Habt keine Angst.«


WIE SIND SIE ÜBERHAUPT AUF DIE IDEE GEKOMMEN, DIE GESCHICHTE AUS SICHT DER SCHAFE ZU ERZÄHLEN?
Finden Sie es nicht merkwürdig, dass die Schafe – Kernbestandteil jeder Weihnachtskrippe – im Neuen Testament überhaupt nicht vorkommen? Den Hirten auf dem nächtlichen Feld wird lediglich ausgerichtet »Ihr werdet das Kind in Windeln gewickelt finden«, und schon machen sie sich auf den Weg. Von einer Krippe ist ebenso wenig die Rede wie von einem Stall. Schon gar nicht von einem Ochsen oder einem Esel. Das Kind könnte also ebenso gut in einem Schuhkarton unter einer Autobahnbrücke liegen.


WAS SOLL UNS DENN IHRE GESCHICHTE ÜBERHAUPT SAGEN?
Erst einmal sollen sich die Leute unterhalten. Eine Tatsache ist allerdings, dass die Schafe ohne Angst einfach losmarschiert sind, aber das eigentliche Ereignis haben sie leider verpasst – weil sie eben immer aufeinander gewartet und sogar den letzten unter ihnen mitgenommen haben. Deshalb ist es auch völlig unwichtig, dass sie das Baby nie gesehen haben. Seine Message wussten sie nämlich schon vorher. Deshalb brauchen die Schafe keinen Erlöser.


WIESO DENKEN DIE SCHAFE, DAS NEUGEBORENE KIND SEI EIN MÄDCHEN?
Ist es nicht auffallend, dass in unserem Kulturkreis alle Erlöserfiguren männlich sind? Sogar unter den modernen Superhelden gibt es kaum Frauen. Auch die Schafe fragen sich, warum das eigentlich so ist. In der Theaterfassung wird die Frage, ob Mädchen schlauer sind als Jungs, noch viel ausführlicher diskutiert – dabei kommt es im Zuschauerraum zu regelrechten Tumulten.


NOCH EIN LETZTES WORT ZUM LETZTEN SCHAF.
Was soll man dazu sagen? Das letzte Schaf ist ganz offensichtlich ein Außenseiter und hat keine Freunde. Vermutlich hängt das damit zusammen, dass seine Bemerkungen nie besonders konstruktiv sind – eigentlich ist es ein ziemlicher Stinkstiefel. Aus verletzter Eitelkeit entscheidet es sich irgendwann dazu, an nichts mehr zu glauben als den eigenen Verstand. Kein Wunder, dass es sofort in eine lebensbedrohliche Situation mit Wölfen gerät.


MÖGEN SIE IHRE TITELFIGUR ÜBERHAUPT?
Das letzte Schaf kommt mir ein bisschen wie Petrus vor – eines dessen Hauptattribute übrigens der Felsen ist. Unter hohen Druck gesetzt verleugnet es das Kind und verrät es sogar. Trotzdem wird ihm am Ende von seinen Freunden verziehen. Was keines der Schafe weiß: Durch ein glückliches Missverständnis hat das letzte Schaf das neugeborene Kind gerettet. Jeder hat seine Funktion in einer Gruppe. Ohne das letzte Schaf hätten die Wölfe das neugeborene Kind getötet. Im Nachhinein war es also von entscheidender Bedeutung, dass jemand die Gruppe verlassen hat. Nicht zuletzt setzt die Titelfigur das Gerücht in die Welt, dass die Schafe von Anfang an dabei gewesen sind. Mit Erfolg –  wie wir heute wissen. Aber das hört sich alles schon zu sehr nach Konzept an.


WAS IST SO SCHLECHT AN EINEM KONZEPT?
Ein Konzept kommt immer erst zum Schluss. Wenn die Geschichte fertig ist.