An der Arche um Acht

»Diese Arche war eine richtige Schnapsidee!«



So ein verzweifelter Aufschrei entfuhr der Taube vor zwanzig Jahren. In der Zwischenzeit wird sie ihre Meinung zu der Arche geändert haben. Auch die drei Pinguine haben nicht damit gerechnet, dass ihre Ansichten über Gott und die Welt seither in über vierzig Sprachen übersetzt und das Theaterstück weltweit fünfhundert Mal aufgeführt wurde.


Am allermeisten verblüfft bin ich selbst. Dabei hatte ich zuerst gar keine Lust, eine Geschichte zum Thema Gott & Glauben zu schreiben. So was ist gar nicht meine Fachrichtung. Ganz früher mal war ich mal in der Kirche ein ganz kleiner Ministrant, aber ein sehr unzuverlässiger. In den feierlichen Momenten, in denen Brot und Wein geweiht wurden, hatte ich regelmäßig mit den Schellen an den falschen Stellen geläutet.


2026 ist die Jubiläumsausgabe erschienen mit Insider-Infos im Nachwort des Autors und bisher unveröffentlichten Skizzen von Jörg Mühle.


»This offbeat variation on the biblical tale of Noah and the Flood involves three male penguins, a butterfly and a dove toting a messenger bag. After one penguin kills the butterfly, the dove delivers a message from God, with two invitations. Though it is filled with humor and jaunty black-and-white drawings, this is a book that takes up profound questions (»If you ask a penguin who God is, he never knows quite how to answer«), with plenty of philosophical digressions to ponder.«
The New York Times, 2012


»Как спастись от всемирного потопа, если ты бессилен даже перед самим собой? Можно ли не потерять себя и уберечь близких, когда смерть так близко, а инстинкты берут верх? Сколько стоит спасение души? „У ковчега в восемь“ — это история о несокрушимой дружбе, неугасающем оптимизме и отчаянной надежде« *)
Staatliches Akademisches Theater Moskau, 2019


»Man stelle sich vor, es gäbe ein lustiger Theaterstück für Kinder ab sechs Jahren, das ›Kritik der reinen Vernunft‹, Leibniz‘ Theodizee-Problematik, Theismus, Deismus, Thomas von Aquins kosmologischen Gottesbeweis, Ludwig Feuerbachs Projektionstheorie so wie Pantheismus Spionza’scher und Goethe’scher Prägung verbildlichen wollte. So lustig kann das nicht sein, wird der vernünftige Mensch denken. Aber Ulrich Hub hat ein solch wahnwitziges Unterfangen gewagt, dafür den Deutschen Kindertheaterpreis 2006 erhalten und zeigt uns den Vogel, oder genauer gleich vier schräge Vögel, nämlich drei Pinguine und eine Taube, zwischen Arche Noah, sozialer Verantwortung und der Frage nach Gott.«
Mannheimer Morgen, 2007


»I read this book to see if it was appropriate for our church bookstore – it is not! The occasional humor is infantile and in the end ›marries‹ the 3rd stowaway penguin to fool Noah as they disembark. A person who understands the biblical story will be uncomfortable at best.«
Top-Bewertung Amazon USA


*) »How to be saved from the global flood if you are helpless even before yourself? Is it possible not to lose yourself and save loved ones when death is so close and instincts take over? How much does soul salvation cost? Meet at the arc at eight is a story of unbreakable friendship, undying optimism and desperate hope.«


NACHWORT ZUR JUBILÄUMSAUSGABE

ES WAR SCHLIESSLICH WELTUNTERGANG
INTERVIEW MIT MIR SELBST ZU »AN DER ARCHE UM 8«


Herr Hub, glauben Sie an Gott?
Schade, dass Sie mir gleich am Anfang so eine persönliche Frage stellen, Herr Hub. Sie hätten mich lieber fragen sollen, wie ich überhaupt auf diese Geschichte gekommen bin.


Wie sind Sie überhaupt auf diese Geschichte gekommen?
Sie ahnen nicht, wie oft ich das gefragt werde. Schon als Kind hat es mich sehr beschäftigt, was mit all den Menschen und Tieren passiert, die keinen Platz auf der rettenden Arche bekommen.


Das sagen Sie immer bei dieser Gelegenheit, dabei stimmt das überhaupt nicht. In Wirklichkeit hatten Sie den Auftrag, ein Theaterstück für Kinder zum Thema Gott zu schreiben. Zuerst haben Sie sogar abgelehnt, weil Sie nicht an Gott glauben. Das haben Sie selbst gesagt.
Komisch. Daran kann ich mich überhaupt nicht erinnern.


Tun Sie nicht so scheinheilig.
Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie reden. Übrigens steht die Bibel bei mir zuhause im Bücherregal.


Zwischen Märchenbüchern, Sagen des klassischen Altertums und den Geschichten aus 1001 Nacht.
Ja, da gehört sie doch hin.


Sie nehmen die Bibel kaum in die Hand. Kein Wunder, dass Ihnen in Ihrer Geschichte ein paar Fehler unterlaufen sind.
Fehler? Sehr unwahrscheinlich. Jetzt ist es sowieso zu spät. Das Buch wurde in dreißig Sprachen übersetzt – 


Sechsundzwanzig Sprachen.
Und von dem Theaterstück gibt es auf der ganzen Welt bisher fast fünfhundert verschiedenen Inszenierungen –


Es sind nicht einmal vierhundertfünfzig Inszenierungen, aber lassen Sie uns lieber über Ihre Fehler sprechen. Das bringt Sie auch persönlich weiter.
Ich glaube nicht, dass meine Leser so etwas interessiert.

Das können die ja selbst entscheiden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wenn man vor Gott tritt, man muss sich vorher die Schuhe ausziehen, aber man wird keineswegs blind! Das haben sie verwechselt mit einer Szene aus dem ersten Indiana Jones Film.
Stimmt, den habe ich mal gesehen –


Da werden die Bösewichte blind, weil sie in die heilige Bundeslade gucken. Die Bundeslade ist so alter Holzkasten, in dem die zehn Gebote versteckt sind und – 
Ich weiß, was die Bundeslade ist, aber dieses Interview macht mir überhaupt keinen Spaß. Sie wissen schon, dass Leute das hier lesen, oder?


Und genau deshalb sollten Sie offen und vor allem ehrlicher antworten. Nächste Frage: Warum haben die Tiere in ihrer Geschichte keine Namen?
Sie haben doch Namen. Ein Pinguin heißt der eine Pinguin. Der andere Pinguin heißt der andere Pinguin. Und der kleine Pinguin heißt – 


Sie weichen schon wieder aus. Dabei wissen Sie ganz genau, was ich meine.
In der Bibel steht, dass Gott dem ersten Menschen die Autorität verliehen hat, allen Tieren Namen zu geben. Dieser Gedanke gefällt mir nicht besonders gut.


Und warum nicht? Wenn ich mal höflich fragen darf?
Weil das so klingt, als hätten wir Menschen die Herrschaft über die Tiere und die ganze Natur. Dabei sollten wir alle gleichberechtigt sein. Sehen Sie, ich kenne die Bibel doch ziemlich gut.

Kein Wunder, dass Ihnen der Gedanke missfällt. Sie haben schon immer Schwierigkeiten mit Autoritäten gehabt – mit Eltern, Lehrern und sogar der Polizei.
Na ja, es lohnt es sich durchaus, bestimmte Regeln und Befehle zu hinterfragen, sich genau anzusehen, wer sie aufgestellt hat und welche Interessen dahinter stecken.


Selbst wenn Befehle von ganz oben kommen.
Vor allem dann.


Sogar von Gott?
Das haben Sie jetzt gesagt.


Sie reden schon wie diese Taube.
Die Taube ist doch ganz in Ordnung. Sie tut mir eher ein bisschen leid. Es gibt eine Menge Leute wie sie, die sich um die Wünsche anderer kümmern und dabei ihre eigenen Bedürfnisse vergessen. Zum Beispiel einen Partner für sich zu finden.


Wieso? Die Taube kriegt doch am Ende einen Partner. Dabei passen die beiden überhaupt nicht zusammen. Weil sie nie heiraten können und Kinder kriegen.
Wieso? Das sind doch zwei Vögel, und die legen Eier.


Es handelt sich wohl um zwei Männchen.
Wie bitte? Die Taube ist weiblich und der Pinguin –


Also ich habe Sie schon oft bei Lesungen vor Kindern erlebt, und so wie Sie, Herr Hub, die Taube lesen, hört sie sich an wie ein Männchen.
Lassen Sie die Taube doch selbst entscheiden, wie sie sich fühlt.


Für mich sind das zwei Männchen, die sich unter einem Regenbogen küssen! Deutlicher geht es wohl nicht mehr. Kein Wunder, dass das Buch in einigen Ländern sogar mal verboten war.
Also den Regenbogen habe ich mir nicht ausgedacht, den gibt es auch in der Bibel. Als Zeichen der Versöhnung. Weil Gott zugibt, mit dem Weltuntergang einen Fehler gemacht zu haben, und er verspricht hoch und heilig, dass so etwas nie wieder vorkommen wird. Das ist das einzige Mal in der ganzen Bibel, dass Gott sich für etwas entschuldigt!


Dabei gäbe es da noch jede Menge anderer Gelegenheiten.
Genau. Und deshalb habe ich mir die Episode mit der Arche Noah ausgesucht. Nicht umsonst entwickelt der kleine Pinguin im Koffer ein ganz neues Gottesbild. Vom alttestamentarisch strafenden Gott zu einem gnädig verzeihenden Gott wie im Neuen Testament – 


Das ist viel zu langweilig. Verraten Sie mir lieber, wie lange Sie an diesem Buch geschrieben haben.
Ein Jahr.


So lange? Oh, Gott! In dieser Zeit schreiben andere ganze Romane. Sogar richtig dicke.
Wir müssen jetzt leider Schluss machen. Ich muss nämlich morgen ganz früh aufstehen, weil ich spätestens um acht Uhr an meinem Schreibtisch sitzen will.

Ich habe Sie noch nie morgens am Schreibtisch sitzen sehen. Sie sind doch nur Autor geworden, um möglichst lange im Bett liegen bleiben zu können.
Für mich als Dichter kommt die Inspiration in ganz unerwarteten Momenten. Immerhin habe ich seit meinem ersten Buch noch sechs weitere geschrieben. Warum lachen Sie? 

Hihi! Halten Sie sich etwa für einen Dichter?
Wie würden Sie mich denn bezeichnen?

Als einen Amateur, der einfach nicht aufgibt. Sieben Bücher in zwanzig Jahren. Das ist wirklich zum Lachen.  
Das Interview ist hiermit beendet.

Laufen Sie bitte nicht gleich weg, Herr Hub. Ich wollte Sie zum Schluss noch über Ihre Zusammenarbeit mit Jörg Mühle befragen. Mit ihm haben Sie einen ziemlichen Glücksgriff getan. Das ist Ihnen wohl hoffentlich klar.
Herr Hub, zum ersten Mal sind wir uns einig. Jörg Mühle als Illustrator war der Vorschlag vom Verlag, wir beide kannten uns gar nicht und sind uns auch erst persönlich begegnet, als das Buch fertig war. Während der Arbeit daran schickte er mir seine Skizzen und Illustrationen, und seine Figuren waren viel besser, als ich sie mir jemals hätte vorstellen können. Eigentlich stelle ich mir gar nicht das Aussehen meiner Figuren vor, ich überlege mir nur, wie sie handeln und reden, aber als ich die Taube und diese Pinguine mit Mützen sah, habe ich sie mir gleich zur Aufmunterung über den Schreitisch gehängt. Und dann erst seine Arche –  

Jetzt müssen wir wirklich Schluss machen.
Schade. Warum? Ich bin gerade so in Schwung.

Weil die Seite hier unten zu Ende ist.